Das schöne, böse Tier tanzt wieder
2 000-Seelen-Gemeinde Vockerode erneut Ziel der Freunde von «Marquis de Sade» - Magnet Kraftwerk
Wittenberg/MZ. Milchig glüht die Sonne über Vockerode. Im frühen Abendlicht reckt sich, rührend klein in Anbetracht des Gegenübers, die Doppelspitze der Kirche gen Himmel. Irgendwo kräht ein Hahn. Vor dem (ehemaligen) Kraftwerk ist ein Bierstand aufgebaut, obendrauf eine überdimensionale Flasche. Essensgerüche wabern aus einem großen weißen Zelt mit Stehtischchen auf rotem Teppichboden. Am Rand wartet eine Eisverkäuferin auf Kundschaft. Volksfestkulisse. Doch diese Normalität täuscht. Das schöne, böse Tier, es will wieder tanzen. Nach dem Riesenerfolg 2007 lässt die Gregor Seyffert Compagnie die “Industriekathedrale” des 2000-Seelen-Ortes Vockerode mit ihrem “Marquis de Sade” erneut erbeben. 75 Prozent der Vorstellungen sind den Angaben zufolge bereits ausverkauft.
Man kommt anders heraus als man hineingegangen ist, hat eine Kollegin gesagt. Eine Warnung? “Bizarr” sei das Stück - und so toll, dass sie es sich unbedingt noch mal ansehen wolle, hat die Taxifahrerin angekündigt. Die Eisverkäuferin, ebenfalls aus Vockerode, war natürlich auch schon drin letztes Jahr. “Wunderbar” und “mitreißend” sei es gewesen. Man wird noch viele Menschen treffen in der bundesweiten Warteschlange des Eröffnungsabends, die sich als Wiederholungstäter outen. “Der Mensch ist ein schönes, böses Tier” (O-Ton Marquis de Sade) - was fasziniert an dem Franzosen aus dem revolutionären 18. Jahrhundert, den sich die Nachwelt handlich machte als den Hauptvertreter der (sexuellen) Quälerei, den Paten des Wortes Sadismus? Das ist er ja auch. Doch ebenso, nein, vielleicht noch mehr, ist er ein Kritiker der verlogenen, korrupten Macht.
Sadismus steckt angesichts der Sommerhitze fraglos im Aufstieg zum ersten Spielort. Über steile, zwielichtige Metalltreppen geht es hinauf bis weit über die Grenzen der eigenen Höhenangst. Und doch liegt die oberste Zuschauerebene noch ein gutes Stück unterhalb der Decke, von der sich der Tänzer Gregor Seyffert das erste Mal gegen 19.30 Uhr kopfüber herablassen wird, und noch zweimal an diesem Freitagabend. Hinter ihm tobt auf mehreren Ebenen gleichzeitig ein Gesellschafts-Inferno: oben ein durchgeknallter Papst, darunter mechanisch kopulierende Macht. Noch tiefer: zuckende Irre, das Volk. Ein atemberaubendes, ohrenbetäubendes Spiel beginnt. Es wird das Publikum an drei Spielorte bringen, durch das halbe Kraftwerk, das dank raffinierter Beleuchtung Teil des Gesamtkunstwerks wird, und, je nach Disposition, auch an die Grenzen der eigenen moralischen Gewissheit. Der Mensch ist ein schönes, böses Tier.
Wie im vergangenen Jahr wird die Aufführung ergänzt durch eine Ausstellung. “Wasteland vs. Marquis de Sade” heißt sie diesmal. Gezeigt werden großformatige Fotos von Michel Valentino aus Berlin. Valentino, Jahrgang 1972, versteht sich als gesellschaftskritischer Warner, wie er im Gespräch mit der MZ erklärt. Ein Pessimist sei er deshalb noch lange nicht, “ich bin eher positiv und optimistisch”, findet Valentino. Seit er selbst Vater geworden ist, treibe ihn die Frage der Zukunft der Welt noch stärker um. Was wird aus der Umwelt? Was wird aus dem Denken der Menschen unter Dauerbeschuss von Werbung? Hat die gar das Zeug zu einer neuen “Religion”? Folgerichtig zeigen seine Bilder verstörende Wesen mit Gasmasken. Exklusiv für die Zuschauer des Eröffnungsabends hat sie Valentinos Ausstellungs- und Performance Koordinator Beat Wittwer lebendig in Szene gesetzt: Hinter Glas gehen sie, nackt und schlangengleich, aufeinander zu, aufeinander los. “Oje, ach du Schande, der sieht ja ganz schön tot aus”, seufzt es aus der vorbeischauenden Menge, bevor die sich die Treppe hinaufwälzt zum furiosen Finale. Dieses Publikum, sommerlich leicht gekleidet und zwischendurch immer mal wieder ein Witzchen auf den Lippen, könnte einem normaler nun nicht erscheinen. Durchschnittsbürger, sollte man meinen. Das kann man beruhigend finden. Oder beunruhigend. Der Mensch ist ein schönes, böses Tier.
“Marquis de Sade” im Kraftwerk Vockerode, bis 14. September, jeweils Fr, Sa und So. Karten unter Tel. 0 18 05 / 44 94 49, Theaterkasse Dessau, Tel. 03 40 / 25 11-333

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Gregor Seyffert Compagnie,
endlich ist es soweit: Der Sensationserfolg „Marquis de Sade“ aus den Jahren 2006 und 2007 hat wieder in der Industriekathedrale Kraftwerk Vockerode geankert und startet am Freitag, 1. August 2008 mit einem fulminanten Eröffnungsprogramm!
Bereits vor der eigentlichen ersten Aufführung erwarten wir Sie zur live in Szene gesetzten Ausstellungseröffnung des Multimedia-und Performance-
Künstlers Michel Valentino, der mit seinen Fotoserien „Wasteland“ und „Walkyrie“ international für Aufsehen sorgte.
Diese wurden nun exklusiv für den einzigartigen Standort Kraftwerk Vockerode adaptiert und auf die gewaltigen Dimensionen des Industriekolosses ausgeweitet.
Um diesen Eindruck zu verstärken, werden am 01. August 2008 im Rahmen der feierlichen Eröffnung um 18.00 Uhr die Motive lebendig:Zahlreiche LIVE-Acts werden eine Stunde lang in fesselnder und atemraubender Weise die Bilder Wirklichkeit werden lassen und damit die monströse Kulisse zum Leben erwecken!
Seien Sie dabei, wenn Michel Valentino und die Superfly Suspensions aus Berlin den Start zu einer neuen Aufführungsserie „Marquis de Sade“ mit über 60 Vorstellungen und erwarteten 20.000 Besuchern einläuten.
Darüber hinaus laden wir Sie herzlich ein, bei einer kurzen Pressekonferenz aktuelle Neuigkeiten zur Aufführung und dem Begleitprogramm in Erfahrung zu bringen. Der Besuch zur Eröffnungsveranstaltung ist frei. Wir freuen uns auf Ihren Besuch!
Programm Eröffnungstag am Freitag, 01. August 08
Spielort 2, Maschinenhalle, Ebene 0.00m
18:00 Uhr
Pressekonferenz
anschl. Ausstellungseröffnung “Wasteland vs. Marquis de Sade” von Michel Valentino
mit in Szene gesetzten Bildern (Liveacts) in der Maschinenhalle des Kraftwerkes (http://show.michelvalentino.com) Suspension Act mit Superfly Suspension (Berlin): Ein lebendes Körper-Bild, über dem Turbinenschacht mit 30 Haken an der eigenen Haut aufgehangen, bildet die Atem raubende Verbindung zwischen den Bildern von Michel Valentino, der Industriekathedrale und dem Universum des Marquis de Sade.
19:00 Uhr
Beginn “De Sade Spektakel” Aufführung 1, Kesselhaus
(Beginn der Aufführungen 2 und 3 jeweils um 20.00 und 21.00 Uhr
22:00
Uhr Ende der Aufführung 1
Eine Aufführung dauert knapp drei Stunden inkl. 2 Pausen, in denen das Publikum durch zusätzliche Installationen im Sinnesparcour zum nächsten Spielort geführt wird.
weitere Informationen:
Gregor Seyffert Compagnie Dessau
Friedensplatz 1a
D-04688 Dessau
Tel. 0340.25 11 226
cie.seyffert@anhaltisches-theater.de
(1 Wasteland vs Marquis de Sade • 2 Superfly Suspension • 3 Michel Valentino • 4+5 Wasteland Live Performance)
(Wasteland Live Performance und Zuschauer einer Vorstellung)
Pressefotos Copyright by STEFANIE RUMPLER (Website: >>> Stefanie Rumpler.de)

AUSSTELLUNGSKOORDINATOR BEAT WITTWER UND PROJEKT KOORDINATOR THOMAS AUGUSTIN BEIM ANBRINGEN DES “VALKYRIE-STAUFFENBERG“ XXL FOTOBANNERS.


Michel Valentino und Gregor Seyffert nach einem erfolgreichen “Marquis de Sade“ Abend - August 2008







